Beim Umbau der Hofbibliothek in Donaueschingen haben die Architekten Lukas Gäbele und Tanja Raufer eine neue Möglichkeit gefunden, Muster oder Schriften auf Beton aufzubringen. Das aus dem Projekt heraus entwickelte Verfahren hat einen eigenen Namen: Ornamentbeton.

Ornamentbeton: Sanitärbereich im Museum Donaueschingen

Ornamentbeton: Sanitärbereich im Museum Donaueschingen

Für die erforderlichen Einbauten in das historische Gebäude (Sanitärbereiche, Fahrstuhlschächte) waren eigentlich Fertigteilwände aus streichglattem Sichtbeton mit eingelassenen Ornamentformen vorgesehen. „Das war aus wirtschaftlichen Gründen aber nicht wie geplant realisierbar.“ erzählt Architekt Lukas Gäbele. Also musste eine andere Lösung her.

Ornamentbeton: Aufzugsschacht im Museum Donaueschingen

Aufzugsschacht mit floralen Mustern

Ausprobieren und weiterentwickeln

Wenige Tage vor dem geplanten Start der Betonierarbeiten auf der Baustelle des Museums: Die Architekten wussten zwar, welchen Effekt sie gerne auf den Betonwänden hätten, der Weg dorthin – also das Betonierverfahren – war den Planern allerdings noch nicht klar. Also wurde im heimischen Garten experimentiert. Mit Fertigbeton aus dem Baumarkt testeten die Architekten verschiedene Betonierverfahren und Materialien, z. B. Vorhangstoffe. Am Ende erwiesen sich gemusterte Tapeten mit Velours-Oberfläche als am besten geeignet, um die gewünschten Ornamente auf den Beton zu „prägen“.
„Das Verfahren entstand aus einem Selbstversuch. Wir haben unsere Fortschritte letztendlich durch ‚Trial and Error‘ erzielt.“ erinnert sich Gäbele.

Ornamentbeton: Aufzugsschacht im Museum Donaueschingen

Die Donaueschinger Bibliothek wurde im Jahr 1860 eingeweiht. Das Gebäude beherbergte einst die Privatsammlung der Fürsten zu Fürstenberg und enthielt neben mittelalterlichen Handschriften auch Text- und Malerarbeiten des englischen Malers, Designers und Dichters William Morris. Glücklicher Zufall: Ein von Morris entworfenes florales Muster ist auch heute noch auf Tapeten erhältlich. Diese Tapeten wählten die Architekten schliesslich für die verschiedenen Betoneinbauten des sanierten Museums aus. Die Ornamente sorgen dafür, dass sich zum Beispiel die nach dem Raum-in-Raum-Prinzip in das Natursteingewölbe integrierte Sanitäreinheit („Toilettenhäuschen“) harmonisch in seine historische Umgebung einfügt, obwohl es klar als modernes Element erkennbar ist. Der Beton des Aufzugschachtes wurde genauso behandelt.

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Wie die Nibelungen-Handschrift auf die Betonwand kam

Neben den floralen Mustern aus dem 19. Jahrhundert sind im Donaueschinger Museum auch Teile der berühmten Nibelungen-Handschrift an den Wänden zu sehen. Auch hier betraten die Architekten wieder Neuland: Wie digitalisiert man eine mehrere Hundert Jahre alte Pergamentschrift, um sie in Beton zu giessen?

Der erste Versuch, das Original-Pergament mit Hilfe des Scanners zu digitalisieren, schlug fehl. Daher wurde eine Kalligrafin damit beauftragt, die historischen Zeilen von Hand „abzuschreiben“. Diese Abschrift hatte dann genug Kontrast. Die Architekten konnten eine Schwarz-Weiß-Kopie davon anfertigen und diese in eine CAD-Zeichnung übernehmen.
Auf Grundlage dieser CAD-Datei konnte eine CNC-Schneideanlage die erforderlichen Buchstaben und Zeilen aus Kunststofffolie ausschneiden. Die ca. 0,5 mm dicken Buchstaben wurden dann in die Ortbetonschalungen eingebracht. Auf jeder Etage des Museums konnte so ein ausgewählter Text der Nibelungensaga in die Betonwände gegossen werden.

Die Nibelungen-Handschrift in Ornamentbeton

Die Nibelungen-Handschrift in Ornamentbeton

Um einen „lesbaren“ Abdruck im Beton herzustellen, ist nicht allein die Dicke des strukturgebenden Materials entscheidend, erläutert Lukas Gäbele. „Auch die unterschiedlichen Oberflächen spielt eine große Rolle.“ Dort, wo die Kunststofffolie der ausgeschnittenen Buchstaben in der Schalung liegt, entsteht natürlich eine andere Betonoberfläche als dort, wo die normalen Schalungen den Beton prägen.

Ornamentbeton: Aussenansicht des Museums in Donaueschingen

Aussenansicht des Museums in Donaueschingen

Zusammenarbeit zwischen Tapezierer und Betonbauer

In der Ausschreibung für das Bauvorhaben war lediglich „Beton ohne Sichtqualität“ gefordert. Da das Verfahren „Ornamentbeton“ quasi erst während der Bauphase entwickelt wurde, konnte es natürlich nicht entsprechend vorher ausgeschrieben werden. Die Architekten haben dieses Problem pragmatisch gelöst: Mit der eher ungewöhnlichen Aufgabe, die Tapeten auf die Schalungen für den Ortbeton aufzubringen, wurde letztendlich „ein ganz normaler Maler“ beauftragt.

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Für die Produktion der Ortbetonwände mit Ornamenten ist viel Erfahrung mit dem Werkstoff Beton gefragt. Bauunternehmer Hans-Jörg Heinichen, verantwortlich für die Betonarbeiten in der Hofbibliothek, erläutert die Vorgehensweise: „Zuerst haben wir die Armierung in die Schalung eingebracht. Dann wurden die Schalhölzer entsprechend von innen tapeziert. Im nächsten Schritt kommt der Beton in die Schalung. Nach dem Ausschalen bleibt die Tapete haften und kann abgezogen werden. So bleibt die Ornament-Struktur im Beton zurück.“

Die Architekten von gäbele & raufer haben diesen Prozess natürlich eng begleitet: „Wir haben auch die Bauleitung gemacht,“ sagt Lukas Gäbele. Aus der Ferne oder mit einem externen Bauleiter wäre ein so innovatives Projekt sicher nicht zu realisieren gewesen.

Nach dem erfolgreichen Einsatz in der Hofbibliothek verspricht sich Lukas Gäbele auch für die Zukunft viel vom Ornamentbeton – zum Beispiel bei der Sanierung oder Modernisierung historischer Gebäude: „Das Verfahren ermöglicht sehr filigrane Darstellungen und ist ohne Matrizenherstellung auch kostengünstig umsetzbar.“

Ornamentbeton mit Goldglanz: Detail der Restaurant-Theke

Ornamentbeton mit Goldglanz: Detail der Restaurant-Theke

Die gelbglänzende Blume im Bild oben ist übrigens ein Einzelstück. Sie ist auf der Theke des Museumsrestaurants zu sehen. Es war ein „Geschenk“ der Planer an die Pächter des Restaurants. Eine schöne Idee: Anstelle eines (vergänglichen) Blumenstraußes erhielten sie eine Ranke aus dem 19. Jahrhundert, belegt mit glänzendem Blattgold.

Fotos: Bernhard Strauss / gäbele & raufer architekten